Diagnose Verzweiflungs-Marketing

Marketing zu betreiben, kann ein hartes Brot sein. Vor allem dann, wenn man noch ganz am Anfang der Selbständigkeit steht. Wenn man macht und macht, aber scheinbar keine Erfolge einfährt. Und wenn die Frustration wächst, weil alle bisherigen Versuche scheinbar nicht weiter bringen, passiert das, was ich Verzweiflungs-Marketing nenne: es wird getrickst. 

Verzweiflungs-Marketing nenne ich es, weil es im ersten Moment möglicherweise nach vorne bringt, aber das Risiko in sich birgt, dich wieder ganz auf Null oder noch weiter darunter zu katapultieren, wenn der Trick auffliegt. 

Was soll ich nur tun, wenn keiner mich sieht? Bitte kein Verzweiflungsmarketing.
Um was es dabei genau geht, erfährst du in diesem Artikel.

Beispiele für Verzweiflungs-Marketing

Ich möchte hier drei Beispiele für Verzweiflungsmarketing beschreiben, die ich selbst gesehen oder von denen ich erfahren habe.

Content-Klau

Auf Facebook las ich einen Beitrag, der mich sehr berührte und wollte gerne mehr zum Thema wissen. Also gab ich die wichtigsten Suchbegriffe bei Google ein und klickte mich durch die ersten Suchergebnisse. Und plötzlich lese ich exakt den gleichen Text, den ich zuvor auf Facebook gelesen habe, ein weiteres Mal. Aber diesmal das Original, veröffentlicht unter dem richtigen Autorenname. Und möchte vor Fremdscham im Boden versinken. Wie peinlich ist das denn bitte.

Wenn man nichts zu sagen hast, dann ist es manchmal besser einfach die Klappe zu halten. Aber man bedient sich nicht einfach an Inhalten, die andere mit ihrer Zeit und durch den jahrelangen Aufbau von Expertise kreiert haben.

Und wenn man den Text einer anderen Autorin wirklich so toll findet, dann kann man immer noch mit Quellenangabe zitieren oder gleich die Urheberin um Erlaubnis bitten, den Text unter Angabe des richtigen Autoren-Namen nutzen zu dürfen. Content-Klau ist einfach nur peinlich und obendrein eine Urheberrechtsverletzung, die rechtswidrig ist.

Dennoch ist Content-Klau leider weit verbreitet. Und es betrifft Texte gleichermaßen wie Bilder und Videos.

Es spricht überhaupt nichts dagegen, sich durch Inhalte von anderen inspirieren zu lassen. Aber 1:1 Kopien ohne Hinweis auf den Urheber sind ein No-Go und entspringen entweder einer Dreistigkeit oder dem Verzweiflungsmarketing, weil man sich selbst nichts zutraut oder (noch) nichts zu sagen hat.

So tun als ob

Eine Frau postet einen kurzen, sehr knappen Beitrag auf Facebook, in dem lediglich steht: “1.000.000 Aufrufe!!!”. In den Kommentaren tummeln sich bereits applaudierende Follower, die schreiben, wie verdient und toll das sei.

Ich denke “Wow” und suche direkt nach dem besagten Beitrag, der so viele Aufrufe eingebracht haben soll. Berufliche Neugier, vielleicht kann ich noch was lernen. Finde aber nichts.

Auf einer anderen Plattform der gleiche Beitrag von ihr. Hier ist schon eine Nachfrage in den Kommentaren zu finden, um welchen Beitrag es sich handelt. Die Antwort der Verfasserin: der Beitrag sei auf einer anderen Plattform. Eben auf jener, auf der ich gerade war und den Beitrag nicht finden konnte…

Ein paar Tage später sind alle Beiträge zum Thema 1.000.000 Aufrufe wieder gelöscht worden. Das Ganze war ein Fake und ich bleibe ratlos zurück, wie man auf so eine doofe Idee kommen kann, etwas öffentlich vorzugeben, was nicht den Tatsachen entspricht und offenbar frei erfunden ist.

Auch hier lautet meine Diagnose: Verzweiflungsmarketing.

Follower-Zahlen faken

Wenn man ganz neu auf Social Media startet, dann sieht das erst mal mickrig aus. Die ersten Follower stammen meist aus dem Familien- und Freundeskreis und die Wachstumsrate der eigenen Gefolgschaft kann sehr, sehr langsam sein. Auch die Beitragszahlen müssen erst nach und nach aufgebaut werden.

Und ja, eine hohe Followerzahl hat natürlich eine Wirkung. Wo viele Leute folgen, muss es etwas Interessantes zu sehen geben. Also folgt man ebenfalls.

Wem das Wachstum im eigenen Account zu langsam geht, kann der Versuchung verfallen, seine Zahlen künstlich in die Höhe zu treiben, was bedeutet, Follower zu kaufen. Und plötzlich sieht der eigene Account bedeutender und gewichtiger aus.

Was man nicht vergessen darf: bei den meisten Plattformen kann man die Follower einsehen. Und wenn sich da plötzlich ein überwiegend internationales Personen-Gemisch befindet, während man selbst eigentlich im deutschsprachigen Raum unterwegs ist, dann kommt Misstrauen auf.

Abgesehen davon, dass man außer der aufgeblähten Follower-Anzahl ansonsten nichts, aber auch gar nichts davon hat… (Ok, vielleicht ein paar Funktionen mehr, die erst für größere Accounts freigeschaltet werden.) Reichweite ist ungleich der Relevanz, die einzelne Follower haben können. Und gekaufte Follower haben Null Relevanz für den eigenen Account, außer, dass die Anzahl der Follower aufgehübscht wurde. Außen hui, innen pfui.

Eine weitere Möglichkeit für Verzweiflungsmarketing sind gefakte Bewertungen und Testimonials. Auch ein No-Go! Und obendrein ein Wettbewerbsverstoß, der abgemahnt werden kann.

Die Folgen von Verzweiflungsmarketing

Wenn Verzweiflungsmarketing auffliegt und klar geworden ist, dass getrickst wurde, dann löst das beim Gegenüber nur eines aus: Misstrauen. Wer einmal belogen wurde, entzieht das Vertrauen und dann hat man es als Marketingbetreibender doppelt so schwer. Denn einmal entzogenes Vertrauen lässt sich nicht so ohne weiteres neu aufbauen. 

Man könnte auch sagen, Vertrauen ist die Währung, mit der im Marketing gehandelt wird und wenn man das Vertrauen mit Füßen tritt, dann Gute Nacht. 

Die Wirkung von Marketing

Es gibt eine wunderbare Aussage:

Das gilt umso mehr im Online-Marketing.

Und gerade zu Beginn einer Selbständigkeit ist einfach oft noch gar nicht so viel da. Viele haben dann meist noch kein klares Angebot, wenig Erfahrung über ihre Wirkung und das, was sie leisten können, keine strukturierten Prozesse, stattdessen eine chaotische Selbstorganisation usw.

Wenn auf dieses Konglomerat dann plötzlich eine große Reichweite trifft, die auch noch relevante Kunden bringt, dann kann das Kartenhaus ganz schnell in sich zusammenklappen. Man kann die Nachfrage noch gar nicht bedienen, Kunden werden unzufrieden oder fühlen sich unzureichend betreut und verschwinden wieder.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass man zu Beginn einer Selbständigkeit kein Marketing betreiben sollte. Fange damit trotzdem möglichst früh an und baue es nach und nach aus. Aber erwarte nicht sofort die Ergebnisse, die gewachsene Unternehmen haben und spiele auch nicht vor, dass du bereits an einem Punkt bist, an dem du dich noch gar nicht befindest.

Organisch wachsen ist gesund

Lass deine Reichweite mit dem wachsen, was da ist. Mit jedem einzelnen Projekt, mit jedem einzelnen neuen Kunden lernst du dazu und gewinnst neue Sicherheit, Routinen und Erkenntnisse für dein Business.

Jeder kleine Schritt bringt dich weiter vorwärts. Ein Schritt baut auf dem nächsten auf. Du kannst den zehnten Schritt nicht vor dem ersten machen. Und eine große Reichweite direkt von Anfang an, kann dich viel schneller in die Überforderung bringen, als dir lieb ist.

Stehe zu deinen geringen Followerzahlen. Kümmere dich um echte Kundenfeedbacks aus echter Zusammenarbeit und bleibe geduldig. Mach dich nicht größer als du aktuell bist, aber auch auf gar keinen Fall kleiner als das.

Und beim Thema organisches Wachstum ist vielleicht auch noch der nächste Hinweis angebracht:

Und täglich grüßt die Agentur

Wenn du auf die Online-Bühne trittst und dich sichtbar machst, dann dauert es nicht lange und die ersten Marketing-Agenturen werden um dich werben. Mir ist es auch so ergangen. Kaltakquise ohne vorherige Einwilligung ist hierbei übrigens der Normalfall.

Bei einer Agentur ließ ich mich auf ein Erstgespräch ein. Sie warben mit einem Kunden-Account, den sie auf 40.000 Follower hochgezogen hatten, der Kunde sei jetzt ausgebucht. Der Weg dorthin war auch mit einem sauberen Marketing zurückgelegt worden. Doch so beeindruckend es auch klang, ich spürte sofort, dass ich mit dieser Situation (so viele Follower und ausgebucht), zum damaligen Zeitpunkt völlig überfordert gewesen wäre. Und lehnte die Zusammenarbeit dankend ab.

Je nachdem, an welchem Punkt man sich mit seinem Business befindet, kann eine solche Zusammenarbeit sinnvoll sein. Wenn das Angebot steht und genügend Erfahrung vorhanden ist, so dass Wachstum und Skalieren als nächste logische Schritte anstehen, dann kann auch die Zusammenarbeit mit einer Agentur der richtige Schritt sein. Aber nicht am Anfang eines Business.

Wenn du nicht so genau weißt, wo du gerade stehst, dann schau doch mal hier vorbei:

Sichtbarkeits-Check-up

In einem 90 Minuten Gespräch heben wir deine Schätze und identifizieren Hürden für deine Sichtbarkeit. Mit konkreten Handlungsschritten und einem Folgetermin unterstützen wir die Umsetzung. Mach den Check-up für mehr Sichtbarkeit sowie ein Marketing, das sich nach dir anfühlt und zeitlich machbar ist.

In diesem Sinne wünsche ich dir gesundes Wachstum, genügend relevante Reichweite und nette Kunden.

Über die Autorin

Dorothee Dickmann, Online-Redakteurin B.A. seit 2009, war freiberuflich für Online-Medien und eine Internetagentur tätig sowie viele Jahre angestellt in der Online­-­Unternehmens­­kommunikation im Mittelstand. Heute unterstützt sie als Mentorin für Sichtbarkeit und Online-Marketing Selbständige und Freiberufler dabei, Klarheit über ihre Kanäle, Inhalte und Positionierung zu gewinnen und Content-Marketing strukturiert umzusetzen.

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