„Das hast du dir selbst kreiert“

Neulich bei einem Gespräch erwähnte ich, dass ich einmal im Monat starke Kopfschmerzen habe. Mein Gegenüber meinte daraufhin, dass ich mir die ja selbst kreieren würde. Ich weiß noch, dass ich etwas irritiert von dieser Aussage war. Das klingt so, als würde ich in einen Laden gehen und bewusst aus dem Regal die Tüte mit der Aufschrift Kopfschmerzen auswählen, zur Kasse gehen, diese bezahlen und dann Zuhause regelmäßig einen Löffel davon einnehmen, um ganz bewusst einen Anfall zu haben.

Mir sind die Gedankengänge hinter so einer Aussage nicht unbekannt. So und ähnlich hatte ich sie auch lange. Aber natürlich läuft das nicht so einfach ab. Und diese Aussage, man erschafft sich seine Realität und damit auch seine Gebrechen und Leiden selbst, sind mit Vorsicht zu genießen. Vor allem, wenn man sie anderen um die Ohren haut. Daher möchte ich dieses Thema hier gerne genauer beleuchten.

Erschaffen wir uns unsere Realität selbst?

Eines vorweg: ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Realität (mit)erschaffen. Allerdings tun wir das selten bewusst, sondern vor allem unbewusst. Und auf das Unbewusste haben wir nicht so einfach Zugriff. Wir können das dort Entstandene nicht einfach mit einem Fingerschnipsen rückgängig oder anders machen. Das ist das eine.

Und zum anderen sind wir keine isolierten Wesen, sondern eingebunden in ein großes Ganzes, das ebenfalls permanent auf uns einwirkt und auf das wir ebenfalls nicht einfach Zugriff haben, um es zu ändern. Ändern können wir hier nur unsere innere Einstellung zu den äußeren Dingen und ja, gar nicht so selten ändert sich dadurch auch etwas im Außen.

Was wir über die Welt fühlen und denken, beeinflusst maßgeblich, wie wir unseren Alltag erleben. Je bewusster wir uns darüber werden, umso größer kann unser Einfluss auf unser Erleben werden. Dennoch lässt sich das Leben nicht zur Gänze in die Karten schauen und wir dürfen uns immer wieder davon überraschen lassen, was es für uns noch auf Lager hat. Sonst wäre es ja langweilig.

Druck verschlimmert Leiden

Doch zurück zum Satz über das Kreieren von Leiden: Wenn wir nun einem anderen Menschen oder auch uns selbst suggerieren, dass wir an unserem Leid selbst schuld sind, weil wir es ja selbst kreiert haben, erzeugen wir vor allem eins: Druck und damit unter Umständen weiteres Leid.

Ja, es ist möglich, dass Menschen aktiv dazu beitragen, dass ihr Körper krank wird. Leider machen wir das auch viel zu oft, indem wir alle gesundheitlichen Ratschläge gekonnt ignorieren und uns zu wenig bewegen, ungesund ernähren, zu wenig schlafen…

Und andererseits bin ich davon überzeugt, dass das Wunder von Heilung grenzenlos ist und wir aktiv zu unserer Gesundung beitragen können.

Und dennoch gibt es Menschen, die krank werden und nicht gesunden und an manchen Krankheiten sogar sterben. Haben die sich das selbst kreiert und sind dann halt selbst schuld? Hat ein Kind, dass an Leukämie erkrankt, sich das selbst kreiert?

Selbst wenn wir Mitschöpfer unseres Lebens sind und Einfluss auf die Lebensgestaltung und auch Heilung haben, so sind die Umstände oft genug komplex und nicht so einfach veränderbar. Und manchmal scheinen sie sich unserem Einfluss auch gänzlich zu entziehen. Menschen in einer solchen Situation zu unterstellen, sie hätten sich das selbst erschaffen und sind damit irgendwie selbst schuld daran, finde ich ehrlich gesagt grausam.

Die Schuldfrage rausnehmen

Und das ist es auch, was mich an einer Aussage wie „Das hast du dir selbst kreiert“ so triggert: der versteckte Schuldvorwurf. Daher ist es mir an dieser Stelle ganz wichtig darauf hinzuweisen, dass es bei diesem Thema nie, nie, nie um Schuld geht.

Denn ja, in einer solchen Aussage steckt ein impliziter Schuldvorwurf. Nach dem Motto, du hättest es dir ja auch anders kreieren können, aber offenbar wolltest du es ja so, also bist du selbst schuld, darum jammere nicht rum.

Ich möchte meinem Gesprächspartner diese Absicht nicht unterstellen. Dennoch läuft die Schuldfrage unbewusst im Hintergrund mit, ob bei mir selbst oder beim Gegenüber oder bei uns beiden.

Natürlich tragen wir gar nicht so selten zu unserem Elend bei, was unseren kleinen Lebensrahmen betrifft. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Dahinter stehen z.B. unsere Prägungen, (schlechten) Erfahrungen oder transgenerationale Traumata, dass sich selbstzerstörerische Verhaltensweisen fortsetzen. Und ja, es ist möglich diese zu durchbrechen und sich Schritt für Schritt einem besseren Leben zuzuwenden. Je nach Ausgangspunkt braucht man dafür mehr oder weniger Einsatz und Durchhaltevermögen. Vielfach ist es aber eine Luxusbeschäftigung der Mittel- und Oberklasse, die das Budget und den Zeitaufwand stemmen können, den es braucht, um das Wissen und die Unterstützung zu bekommen, um wirklich etwas tiefgreifend zu verändern (Ausnahmen mögen die Regel bestätigen). Ein Mensch, der um sein tägliches Überleben kämpft, wird darüber wohl kaum nachdenken.

Und einem hungernden Kind in Afrika implizit zu unterstellen, es hätte sich dieses Leben selbst kreiert, ist abartig. Vielleicht hat dieses Kind das Glück und schafft es, sich aus den ärmlichen Verhältnissen herauszukämpfen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es zu den täglich an Hunger sterbenden Kindern gehört, Stand 2021 sind es 15.000 Kinder täglich. Und das ist keine persönliche Kreation, das sind strukturelle und gesellschaftliche Probleme, für die ein solches Kind absolut rein gar nichts kann. Dahinter stehen Machtverhältnisse, die nur den Vorteil für einige wenige im Blick haben. Aber das wird bei Floskeln zum Thema „Das eigene Leben kreieren“ gerne mal ausgeblendet.

„Deine Seele will bestimmte Erfahrungen machen“

Um die Ungereimtheiten hinter solchen Aussagen zu überdecken, wird dann argumentiert, dass sich die Seele das bereits vor dem Leben ausgesucht hat, um bestimmte Erfahrungen machen zu können. Diese Sichtweise mag dem ein oder anderen dabei helfen, sein Leid auf Erden zu akzeptieren, ich persönlich finde diese Sichtweise total bescheuert.

Auch hier klingt es so, als würde ich vor meiner Geburt in den Supermarkt gehen, die gewünschten Erfahrungen in den Einkaufswagen legen und an der Kasse bezahlen, um mir das geilste oder auch beschissenste Leben aller Zeiten bewusst zu kreieren.

Oder man hält sich an der gegenteiligen Meinung fest: du bist nicht selbst schuld, denn nicht du kreierst, sondern es ist das Schicksal, dem wir uns unausweichlich hinzugeben haben. Auch das dann wahlweise, weil es gottgewollt ist oder man der Spiellaune von sonstigen höheren Mächten unterworfen ist, gegen die man eh nichts ausrichten kann. Sprich, man hat also überhaupt keinen Gestaltungsspielraum.

Wem das hilft, sein Leben zu ertragen, bitte sehr, mich hinterlassen Erklärungen dieser Art unzufrieden.

Nach Selbstermächtigung Ausschau halten

Ich halte daher viel davon, danach zu schauen, wo wir eigenmächtig handeln und uns Lebensqualität bewusst zurückholen können. Wo wir unseren Einfluss geltend machen können, Unbewusstes in Bewusstes wandeln und Zusammenhänge erkennen, um Dinge zu (ver)ändern.

Und nicht nur die Bewältigung von Lebensthemen sind dadurch möglich, auch bei gesundheitlichen Themen können sich dadurch Symptome verbessern lassen. Und der ein oder die andere darf vielleicht sogar vollständige Heilung erfahren.

Auch ich kenne einige der Mechanismen, die dazu führen, dass die Kopfschmerzen bei mir entstehen. Nicht immer habe ich genügend Einfluss darauf, diese Mechanismen zu verhindern, um es zu vermeiden. Und wenn sie entstehen, weiß ich oft, woran es gelegen hat, dass sie jetzt da sind. Aber anstatt mir jetzt die Schuld daran zu geben, dass ich es wieder mal nicht geschafft habe, es zu verhindern, nehme ich die Unterstützung an, die mein Körper mir damit geben will und gehe in einen bewussten, wenn auch schmerzhaften Rückzug aus der Welt.

Nähre nicht dein inneres Opfer

Früher habe ich mich in diesem schmerzhaften Zustand als Opfer meiner Umstände gefühlt. Ausgeliefert. Ohnmächtig.

Das ist heute nicht mehr der Fall. Natürlich fühle ich mich auch nicht toll. Der Kopf tut ja trotzdem weh. Aber ich weiß, dass es nach spätestens 24 Stunden vorüber ist. Ich lasse die Welle durch mich hindurchgehen und gebe mich dem Moment hin und nehme die erzwungene Ruhepause an. Und ja, manchmal jammere ich auch innerlich, weil ich vielleicht einen schönen sonnigen Tag verpasse und lieber draußen als im Bett wäre.

Und ich gebe weiterhin die Hoffnung nicht auf, dass ich es irgendwann schaffe, mein Leben so zu gestalten und die richtigen Stellhebel zu identifizieren, dass mein Körper auf dieses Hilfsmittel nicht mehr zurückgreifen muss.

Das möchte ich auch dir mit diesem Artikel auf den Weg geben: gib dich nicht vorschnell auf. Halte nach deinen Einflussmöglichkeiten Ausschau. Probiere dich aus. Bitte um Hilfe, wenn nötig.

Du bist nicht schuld. Aber du darfst dein Leben und dein Glück in deine eigenen Hände nehmen. Und damit das möglich ist, darfst du deinem inneren Opfer nicht zu viel Raum geben, damit du handlungsfähig bleibst. Jeder jammert mal. Das ist ok so. Aber bleib nicht darin stecken. Du schaffst mehr, als du denkst. Und es beginnt mit der Annahme dessen, was ist.

Denn positiv gedeutet, heißt „Das hast du dir selbst kreiert“, dass du einen Gestaltungsspielraum hast. Nutze ihn. Egal, wie groß oder klein er dir erscheint. Er kann wachsen.

3 Antworten auf „„Das hast du dir selbst kreiert““

  1. Die Passage „Probleme, für die ein solches Kind absolut rein gar nichts kann. Dahinter stehen Machtverhältnisse“ finde ich sehr spannend aus der Sicht der Egos, die sich ihrer Situation ausgeliefert fühlen. Was mir allerdings prinzipiell unheimlich erscheint, ist diese Trennung in ein Ich, das den Kopfschmerz HAT, so als säße ein User in einem Roboter, der geölt werden muss. Die Realität besteht aus Subjekten, Symptomen und anderen Sachen. Den Kopfschmerz „hat“ niemand, er ist nur Ausdruck der Realität.

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    1. Ja, das ist dann wieder die Sicht einmal mit und einmal ohne Ich. Für mich fühlt es sich so an, dass Ich Kopfschmerzen habe. Aber klar, eigentlich ist es nur der Kopf, der das Symptom Kopfschmerz hat.
      Ob sich ein Kind in Afrika ausgeliefert fühlt oder nicht, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht geht es auch einfach mit dem was ist und stellt das gar nicht in Frage, weil es die einzige Realität ist, die es kennt. Mir geht es bei diesem Vergleich eher um die Überheblichkeit mancher Menschen, die behaupten, dass sich die Seele das vor der Geburt ausgesucht haben soll, um genau diese Erfahrung zu machen. Solche Aussagen ärgern mich einfach. Denn sie enthalten diesen impliziten Schuldvorwurf, dass ein solches Kind selbst schuld an seinem Leid ist.

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  2. Ergänzend wäre wohl sinnvoll zu betonen, dass aus nondualer/ichloser Sicht weder ein „Selbst“ existiert, das etwas SELBST kreiert, noch dass dieses Selbst einer komplexen Realität gegenüber stünde und dieser ausgeliefert sei. Die Hände SIND das Leben und sie tun automatisch alles, um sich gut/besser zu fühlen bzw. mit ihrem Zustand klar zu kommen. Begriffe wie „Seele“ und „Schicksal“ sind fahrlässige (zur Unterdrückung der Gläubigen geschaffene) Erfindungen, die die Wahrnehmung davon abhalten, sich ALS Kopfschmerz zu empfinden und damit die eigene Wahrnehmung ALS Realität. Das Symptom IST das Subjekt – kein Ich sonstwo, das eine von ihm getrennte Realität begutachtet und beeinflusst! Solch ein Ich hat noch niemand gesehen, es ist reinster Spuk, Hirngespinst, Fata Morgana.

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